Hinweise zur Archivierung

Thünen-Archiv

Der Nachlass des berühmten National-Ökonomen des 19. Jahrhunderts Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) wurde 1901 der Universität Rostock übergeben.

Weitere Informationen erhalten Sie beim Thünen-Institut.

Bestand des Thünen-Archivs

Der Bestand “Thünen-Archiv” im Universitätsarchiv umfaßt heute – ohne Bibliothek und Fotosammlung – etwa 12 laufende Meter, d.h. mehrere zehntausend Blätter. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der ursprüngliche Bestand beträchtlich erweitert und besteht heute aus 15 Abteilungen:

Abteilung A enthält genealogische Angaben zur Familie Thünen, wie z.B. Auszüge aus Kirchenbüchern, aber auch Nachrufe und (posthume) Ehrungen Thünens.

In Abteilung B ist die umfangreiche Korrespondenz der Familie Thünen bis in die Generation der Urenkel Thünens zu finden. Dazu kommen noch Briefe von der Familie nahestehenden Personen, wie Thünens Lehrer Lucas Andreas Staudinger oder dem Vater des letzten Schülers und Biographen Thünens, Johann Ludwig Schumacher. Insgesamt sind etwa 6.000 Briefe vorhanden, davon knapp 400 von Johann Heinrich von Thünen selbst. Diese liegen allerdings zum größten Teil nur in geprüfter Abschrift vor, da seit 1946 eine Kiste mit Originalbriefen Thünens verschollen ist. Ob sie damals vernichtet oder durch die Rote Armee beschlagnahmt wurden, ist bis heute unklar. Bisher sind die Briefe nur wenig beachtet worden, obwohl sie eine Quelle von einzigartigem Rang darstellen.

Die recht kleine Abteilung C macht Angaben zum Vermögensstand Thünens.

Abteilung D enthält die bereits erwähnte Tellower Buchführung. Diese ist nicht nur aus agrar- und wirtschaftswissenschaftlicher, sondern auch aus sozialhistorischer Sicht höchst interessant. Thünen listet hier detailliert alle durchgeführten Arbeiten, die Einnahmen, die Ausgaben, die Erträge und das Inventar auf. So kann der interessierte Nutzer viel aus dem Alltag in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfahren.

Die Abteilungen E und F enthalten die Manuskripte und Aufzeichnungen von Thünens Hand. Auch hier gibt es noch viel zu entdecken. Dazu gehören u.a. die mehr als 1.000 Seiten umfassenden Entwürfe zum “Isolierten Staat” und die zahlreichen Notizen und Konspekte. Thünen setzte sich mit vielen Aspekten der Landwirtschaft auseinander: Bodenlehre, Bodenfruchtbarkeit, Be- und Entwässerung, Tier- und Pflanzenzucht, Anbautechniken und landwirtschaftliche Geräte. Auch dies fand in Form von Artikeln, Gutachten und Denkschriften seinen Niederschlag.

Diese weitgehend unbekannten bzw. wieder in Vergessenheit geratenen Arbeiten haben zusammen etwa den gleichen Umfang, wie der “Isolierte Staat” und sind eine wahre Fundgrube für die Dogmen-, Sozial- und Landesgeschichte.

In Abteilung G finden sich die Unterlagen zur Verwaltung des Thünen- Archivs und zu den Thünen-Gesellschaften. Dieses Material ist nicht nur für die Geschichte des Thünen-Archivs interessant, sondern für die gesamte Thünen-Forschung und darüber hinaus. Sie dokumentieren die Entwicklung des Thünen-Archiv mit seinen Höhen und Tiefen von 1900 bis 1989.

Abteilung I enthält eine vom langjährigen Verwalter des Thünen-Archivs Hermann von Wenckstern, einem Urenkel Thünens, angelegte Sammlung von Daten zu Personen aus dem Umkreis der Familie Thünen und der Thünenforschung.

Abteilung K ist der Bibliothek zugeordnet und enthält die Veröffentlichungen Thünens.

Abteilung L enthält die Buchführungsunterlagen von Tellow nach dem Tode Thünens im Jahre 1850 bis zum Verkauf des Gutes 1896 durch den Enkel Alexander von Thünen, wenngleich nicht in so ausführlicher Form, wie zwischen 1810 und 1820.

Abteilung M enthält die Buchführungsunterlagen anderer Güter und wurde zusammen mit der Abteilung N, die Material zu landwirtschaftlichen Betriebs- und Arbeiterverhältnissen beinhaltet, durch Richard Ehrenberg dem Bestand hinzugefügt.

Abteilung O beschäftigt sich mit dem Thünenschen Hakenpflug, den Johann Heinrich von Thünen aus dem Mecklenburgischen Haken weiterentwickelt hatte. In den 1950er Jahren wurde dieser Pflug in einem Forschungsprogramm noch einmal auf seine aktuellen Einsatzmöglichkeiten hin überprüft.

Gründung des Thünen-Archivs

Die Gründung des Thünen-Archivs ist eng mit dem Rostocker Professor für Staatswissenschaften, Richard Ehrenberg, verbunden. Um 1900 hatte dieser von der Existenz des Nachlasses erfahren und setzte nun alles daran, ihn für die Universität zu erwerben. Dazu nahm er Verbindung mit den Nachkommen auf. Nachdem er dem Enkel Thünens, Alexander von Thünen, seine Vorstellungen erläutert hatte, stimmte dieser dem Vorhaben zu, überließ aber die weiteren Übergabeverhandlungen Hermann Schumacher, einem Schüler Thünens und Herausgeber des bekannten Buches “Johann Heinrich von Thünen. Ein Forscherleben.” (Rostock, 1868) Dieser besaß zu diesem Zeitpunkt den größten Teil des handschriftlichen Nachlasses Thünens.

Zwischen Schumacher und Ehrenberg kam es in der Folge zu einem regen Briefwechsel. Am 2. November 1901 schrieb Schumacher endlich an Ehrenberg: “Deshalb bin ich nach reiflicher Überlegung zu der Ansicht gekommen, daß ihre Anregung, der Nachlaß sollte der Rostocker Universitätsbibliothek erhalten bleiben, mir den richtigen Weg weist.” Nur ein paar Tage später, am 8. November, fand die Übergabe des Nachlasses statt. Damit wurde allerdings der ministeriellen Zustimmung vorgegriffen, die erst am 9. Mai 1902 erfolgte, was die unterschiedlichen Gründungsdaten für das Thünen-Archiv in der Literatur erklärt.

Ehrenberg hatte die Übergabe beschleunigt, weil er wohl fürchtete, Schumacher könnte seine Meinung in letzter Minute noch ändern. Dessen Briefe lassen diesen Schluß jedenfalls zu. Wie so oft, ging es auch hier um Geld.

Neben der Bedingung, daß der Nachlaß in dauernden Besitz der Universitätsbibliothek übergehen und allen interessierten Forschern zugänglich sein sollte, war die Zahlung eines angemessenen Preises Voraussetzung für die Übergabe des Nachlasses. Auf 1.000 Mark schätzte Schumacher den Wert und unterstrich dies mit der Bemerkung, ein Interessent hätte ihm für einen einzelnen im Forscherleben abgedruckten Brief schon allein 100 Mark gezahlt. Letztendlich gelang es Ehrenberg als Kaufpreis 300 Mark auszuhandeln - zum Vergleich: sein monatliches Gehalt als Professor betrug zu dieser Zeit 350 Mark.

Für den Nachlaß wurde eigens die Stiftung “Thünen-Archiv” ins Leben gerufen. Die Stiftungsurkunde ist im 2. Weltkrieg verloren gegangen, es existieren jedoch Abschriften. In der Urkunde heißt es, daß der Nachlaß unter dem Namen “Thünen-Archiv” vom Staatswissenschaftlichen Seminar “auf eine, des großen Nationalökonomen von Thünen würdige Weise aufbewahrt, geordnet, übersichtlich registriert und der wissenschaftlichen Benutzung bequem zugänglich gemacht wird.”

Der Assistent Ehrenbergs, Richard Passow, übernahm es, den Bestand erstmalig zu ordnen und zu verzeichnen. Das Geld dafür, weitere 300 Mark, wurde ihm vom Unterrichtsministerium zur Verfügung gestellt. Die damals geschaffene Struktur bildet auch heute noch die Ordnungsgrundlage des Archivs.

Entwicklung des Thünen-Archivs bis 1945

Richard Ehrenberg hatte große Pläne mit dem Thünen-Archiv. Es sollte der Ausgangspunkt für ein Institut für exakte Wirtschaftsforschung werden. Die Universität und das Ministerium in Schwerin sahen sich jedoch nicht in der Lage, die dafür benötigten Mittel bereitzustellen. Daher versuchte Ehrenberg, für sein Vorhaben private Geldgeber zu finden, was ihm schließlich auch gelang. Die Firmen Siemens und Krupp stifteten eine nicht unbeträchtliche Summe (etwa 15.000 Mark jährlich) für die Einrichtung eines “Thünen-Studienfonds”. Dieser für die damalige Zeit außerordentliche Schritt löste heftige Diskussionen aus. Während die einen die Angelegenheit als Privatsache Ehrenbergs ansahen, stand für andere die Unabhängigkeit der Forschung auf dem Spiel. Ehrenberg betonte zwar immer wieder seine Neutralität und Objektivität, konnte die Zweifler jedoch nicht überzeugen.

Nach dem Tod Ehrenbergs geriet das Thünen-Archiv zunächst in Vergessenheit. Bezeichnend ein überlieferter Bericht über den Besuch eines japanischen Thünen-Forschers Anfang der 1930er Jahre, dem man das Archiv nicht zeigen konnte, weil zunächst der Standort des Archivschranks unbekannt war. Als man ihn endlich gefunden hatte, fehlten die Schlüssel, um ihn zu öffnen. Kopfschüttelnd reiste der Japaner wieder ab.

Ende der 1930er Jahre, im Zuge einer allgemeinen Thünen-Renaissance, erfuhr die Thünen-Forschung und somit auch das Thünen-Archiv einen erneuten Aufschwung. Allerdings stand dieser im Zeichen nationalsozialistischer Agrarpolitik, die versuchte, den klassischen Nationalökonomen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Allen voran der Staatssekretär im Reichsernährungsministerium und spätere Reichsminister, Herbert Backe, der die Durcharbeitung des Nachlasses, wie er in einem Brief vom Januar 1943 an den mecklenburgischen Staatsminister Scharf schrieb, als “eine der wichtigsten wissenschaftlichen Aufgaben auf dem agrarpolitischen Sektor” ansah.

1943 rief er eine Thünen-Gesellschaft ins Leben, die Trägerin eines umfangreichen Thünen-Forschungsprogramms wurde. Zum Geschäftsführer wurde der Jenaer Professor Asmus Petersen bestellt, der im Herbst 1943 den Lehrstuhl für Landwirtschaftliche Betriebslehre an der neugegründeten Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Rostock übernahm. Damit verbunden war auch die wissenschaftliche Leitung des Thünen-Archivs. Geplant war eine zehnbändige Gesamtausgabe der Werke Thünens, die bis 1950 abgeschlossen werden sollte. Der Verlauf des Zweiten Weltkrieges verhinderte dies jedoch. Zwar wurde die Thünen-Forschung als “kriegswichtig” eingestuft, man beschränkte sich jedoch auf Vervielfältigungs- und Sicherungsarbeiten im Thünen-Archiv.

Entwicklung des Thünen-Archivs von 1945 - 1990

1945 kam mit dem Ende des Krieges und der Schließung der Universität Rostock zunächst auch das Aus für die Thünen-Forschung. Während sich die Mitarbeiter des Thünen-Archivs um die aus Sicherheitsgründen ausgelagerten Bestände kümmerten, bemühte sich Asmus Petersen, der sich zu diesem Zeitpunkt in Schleswig-Holstein aufhielt, um die Gründung eine internationalen Thünen-Gesellschaft und eine Übersetzung des “Isolierten Staates” ins Englische, Französische und Russische.

Als 1946 die Universität Rostock wiedereröffnet wurde, nahm Petersen, der nie NSDAP-Mitglied gewesen war, das Angebot an, seinen alten Lehrstuhl wieder zu besetzen. Damit begann auch ein neuer Abschnitt der Thünen-Forschung, wenngleich materielle und personelle Ausstattung den Umfang von vor 1945 nie mehr erreichte. Die Ziele, insbesondere die Weiterentwicklung der Standorttheorie und die Gesamtausgabe, blieben - den neuen politischen Verhältnissen angepaßt - die gleichen, denn Petersen war von der grundlegenden und systemunabhängigen Wirksamkeit der Thünenschen Gesetze überzeugt. Vor allem diese Haltung brachte ihn in Konflikt mit Vertretern der marxistisch-leninistischen Ideologie.

Mit der Berufung von Alfred Lemmnitz im Jahre 1953 zum Professor für Politische Ökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät begann eine neue Qualität der Auseinandersetzung, die 1957 mit dem Weggang Petersens an das Institut für Grünland- und Moorforschung bei der Akademie der Landwirtschaften in Paulinenaue endete.

Danach führte das Thünen-Archiv nur noch eine Schattendasein. Die ideologisch motivierte Einstellung der Thünen-Forschung und wechselnde Zuständigkeiten führten dazu, daß das Archiv erneut in Vergessenheit geriet.

Ende der 1970er Jahre kam es im Zuge der Rückbesinnung auf das “nationale Kulturerbe” in der DDR zu einer vorsichtigen Annäherung an Thünen. Für Aufsehen sorgte das 1983 anläßlich des 200. Geburtstages von Thünen von der Universität Rostock veranstaltete Internationale Thünen-Symposium. Im Vorfeld und auch danach schlossen sich einige Projekte an, die sich mit Thünen beschäftigten: u.a. die kommentierte Neuausgabe des “Isolierten Staates” durch Hermann Lehmann und Lutz Werner, die allerdings erst 1990 erscheinen konnte. Zu groß war das Mißtrauen der SED-Funktionäre gegenüber dem “Junker” Thünen.

Neuverzeichnung des Thünen-Archivs 1997/1998

Mit der “Wende” von 1989 in der DDR änderte sich auch die Situation für die Thünen-Forschung und das Thünen-Archiv grundlegend. Endlich war es möglich, ohne ideologische Zwänge über Thünen zu forschen. So entstanden eine Reihe von Plänen u.a. für eine Gesamtausgabe der Werke Thünens, die aber nicht zuletzt an den fehlenden Mitteln scheiterten. Seit Mitte der 1990er Jahre unternahmen die Universitätsbibliothek und das Archiv der Universität Rostock verstärkte Anstrengungen, diesen wertvollen und einzigartigen Bestand wieder vollständig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1997 wurde mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Projekt zur Neuverzeichnung des Thünen-Archivs ins Leben gerufen.

Im Verlauf dieses Projekt wurde der gesamte Bestand neu geordnet, erschlossen und verzeichnet. Ein nicht immer leichtes Unterfangen, denn die wechselnden Zuständigkeiten und die jahrzehntelange Vernachlässigung des Thünen-Archivs hatten ihre Spuren hinterlassen. Nach Abschluß der Verzeichnungsarbeiten konnte zum Glück festgestellt werden, daß keine weiteren Verluste als die bis dahin bekannten, aufgetreten waren. Allerdings waren Teile des Bestandes von Schimmelpilzen befallen, die beseitigt werden mußten.

Besondere Bedeutung kam der Erfassung und Verzeichnung der etwa 6.000 Briefe der Familie Thünen und ihr nahestehender Personen zu. Sie wurden mit Absender, Empfänger, Datum, Ort in eine Datenbank aufgenommen. Auch hier stand der bearbeitende Archivar vor enormen Problemen, waren doch große Teile des Korrespondenz bisher noch nicht verzeichnet und durch verschiedene Umlagerungen durcheinander geraten.

Im Ergebnis des Projekts entstanden ein Findbuch, das zusammen mit der Thünen-Bibliographie im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, und die oben erwähnte Datenbank.